Nur noch zwei Tage bis Weihnachten, dachte das kleine Büchlein, und niemand nimmt mich mit. Seufzend raschelte es mit den Blättern, aber jeder hastete nur eilig vorbei. Alle Bücher auf dem Ladentisch wurden beachtet und nach und nach mitgenommen. Es waren interessante Ratgeber für den Computerfreund oder Tipps für die moderne Frau. Wer wollte schon ein Märchenbuch, das schon etwas abgegriffen aussah? Den Einband zierte ein Tannenbäumchen, dessen Zweige mit Schnee überzuckert waren. Niemand ahnte, dass das Büchlein mit wunderschönen Aquarellen illustriert war. Die Märchen waren zwar alt, aber lesenswert.

Das kleine Büchlein war sehr traurig. Einmal in einer Weihnachtsstube unter einem glitzernden Baum liegen und von Kinderhänden aufgeblättert werden, das wäre schön, dachte das Buch. Draußen schneite es ein wenig, und es wurde Abend. Gleich würden die Türen abgeschlossen und die anderen Bücher wieder laut tönen, wie wertvoll und wichtig sie wären.


„Schau mal“, erklang auf einmal ein helles Stimmchen und das kleine Buch wurde ganz aufgeregt, „Mami bitte, bitte“, das Stimmchen wurde drängender, „kann mir das Christkind dieses Buch bringen?“


Hände ergriffen das Märchenbüchlein und trugen es fort. Dann wurde es plötzlich ganz dunkel. Was war denn jetzt passiert? Das kleine Büchlein hatte schreckliche Angst. Es konnte nichts sehen, aber es merkte, dass man es mitgenommen hatte. Laut klopfte das kleine Herz, denn auch Bücher haben ein Herz und eine Seele. Sonst könnten die schönen Geschichten nicht zu Tränen rühren. Die Menschen könnten nicht über Witziges lachen oder sich an dem Inhalt erfreuen.

Schnell war die Reise zu Ende. Das Büchlein wurde in eine dunkle Schublade gelegt. Sollte das schon alles gewesen sein, dachte es. Nach einer Weile wurde es wieder hervorgeholt und es spürte ganz genau, dass der große Augenblick gekommen war. Das musste Weihnachten sein. Leise spielte Musik und aufgeregte Stimmen waren überall.

Endlich war der Wunsch wahr geworden und das Märchenbüchlein erblickte eine Weihnachtsstube, die herrlich glänzte. Ein großer Weihnachtsbaum stand im Raum mit goldenen Lichtern und vielen bunten Kugeln.

Blaue Kinderaugen schauten das Büchlein an. Die Seiten wurden umgeblättert. Es spürte große Freude. Es wurde herumgereicht und alle freuten sich an den Bildern. Als die Großmutter anfing Hans Christian Andersens Märchen vom Tannenbaum vorzulesen, zitterte das Büchlein vor Aufregung.


So hatte das kleine Büchlein doch noch sein Weihnachtsfest bekommen. Auch mit den anderen Geschichten würde es den Kindern noch lange viel Freude bereiten.

 

Vielleicht würde es sogar noch einmal an die nächste Generation weitergereicht. Alle Kinder und alle Erwachsenen dieser Welt brauchen Geschichten, damit sie ab und zu dem Alltag entfliehen können.

Geli Ammann 2011


Diese Geschichte habe ich für eine Freundin geschrieben ♥